Joseph John | Information
21848
page-template,page-template-full_width,page-template-full_width-php,page,page-id-21848,ajax_fade,page_not_loaded,,select-theme-ver-3.7,side_area_uncovered,wpb-js-composer js-comp-ver-6.1,vc_responsive
 

Information

ATOUMO
DIE HEILIGE PFLANZE MEINER AHNEN

Eine der wertvollsten Erinnerungen an meine Kindheit in der Karibik ist die wild wuchernde Natur. Sträucher, Blüten und Bäume wuchsen dort überall im Übermaß und zierten jedes Haus – egal wie klein und schäbig es auch gewesen sein mochte und verliehen selbst der kleinsten Hütte eine gewisse Pracht und Würde. Damals nutzten die Menschen die Pflanzen aber nicht nur zur Zierde und Verschönerung ihrer Hütten, so wie es heutzutage meistens der Fall ist. In meiner Kindheit hatten die Menschen noch einen anderen, einen viel innigeren Bezug zur Natur. Pflanzen waren ihnen heilig. Sie lieferten Nahrung und waren Medizin. Meine Großmutter hatte noch eine profunde Kenntnis von der Wirkung einzelner unscheinbar aussehender Blätter, sie kannte die Heilkraft bestimmter Blüten oder wusste um den Einsatz von Wurzeln im Fall einer Hautverletzung. Hatte ein Kind Bauchweh, dann zupfte sie ein paar junge Blätter und Blüten des Guavenbaumes und kochte sie zu einem Tee. Hatte ein Kind Husten, dann bereitete sie eine Mischung aus Kurkuma und Zimtrinde zu. So gab es in fast jedem Haushalt einen eigenen Kräutergarten, der eine Art private Naturapotheke darstellte und dessen Arznei für jeden erschwinglich war.

Eine Pflanze – so erinnere ich mich -, die damals in keinem Garten fehlen durfte war Atoumo. Sie gehört zu der Familie der Ingwerpflanzen und ist neben ihrer üppigen Schönheit  unter all den Pflanzen, die man zur Heilung und Genesung einsetzt, auch ein Alleskönner. Atoumo ist eine kreolische Bezeichnung und heißt wörtlich ins Deutsche übersetzt : “Für alle Beschwerden”. Und genauso setzte meine Großmutter sie auch ein: gegen Grippe, Fieber, gegen Kopfschmerzen oder Verdauungsprobleme, innere Unruhe und gegen bakterielle, virale und fungale Erkrankungen aller Art. Für den fein herben Tee benutzte sie sowohl die Blüten als auch die Blätter der Pflanze. Und wir Kinder vertrauten den Rezepten und tranken den Tee.

Heute kann ich selbst dafür sorgen, dass in meinem eigenen Garten auf St. Lucia diese Pflanze wächst und gedeiht. Jedesmal, wenn ich von einem Aufenthalt auf meiner Heimatinsel zurück nach Deutschland kehre, bringe ich für meine Familie und einige Patienten Atoumo, die allumfassendste Heilpflanze aus meinem selbstangebauten „Arzneikasten“ mit. Und genau wie meine Großeltern und Eltern, die ihre Kenntnisse an mich weitergaben, setze ich  heute ihre Blüten und Blätter für die vielfältigsten Zwecke ein.

Mit Bedauern stelle ich fest, dass die junge Generation auf St. Lucia sich kaum noch für das Wissen und den kenntnisreichen Umgang mit der Naturmedizin interessiert. Wie in den meisten Ländern ist der Griff zum Antibiotikum, der in vielen Fällen vermeidbar wäre, schnell und unüberlegt getan. Ich halte es jedoch für wesentlich, dass wir die Geschenke der Natur – und damit meine ich nicht nur die Kräuter mit heilender Wirkung, sondern jede Pflanze,  unsere Nahrung, den gesunden Boden und alle Lebewesen – mehr achten sollten. Wir sollten dankbar sein und uns glücklich schätzen, Teil dieses Kreislaufs zu sein.

 

Facebook
Instagram